Handelsmärkte: Brasilien am Attraktivsten

Zum dritten Mal in Folge führt Brasilien die Liste der attraktivsten Investitionsziele für den internationalen Einzelhandel an. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Chile und Uruguay. Damit ist Südamerika für den internationalen Einzelhandel die attraktivste Wachstumsregion. An Bedeutung eingebüßt hat vor allem Indien (minus 9 Plätze gegenüber 2012). Das geht aus dem Global Retail Development Index (GRDI) 2013 hervor, in dem die Unternehmensberatung A.T. Kearney zum zwölften Mal in Folge die Attraktivität von 30 Wachstumsmärkten für Handelsunternehmen untersucht hat.

Als neuer Stern am Horizont zeichnet sich Subsahara-Afrika ab: Mit Namibia, das neu auf Platz 26 ist, und Botswana sind erstmals zwei Länder dieser Region im Ranking vertreten. Weitere subsaharische Länder haben die Top-30 nur knapp verpasst. Neu auf der Liste ist außerdem Armenien, dem mit Platz 10 gleich der Sprung in die Top-10 gelungen ist. Rückenwind hat die Entwicklung des organisierten Handels in den Entwicklungsländern vor allem durch die zunehmende Verbreitung von Einkaufszentren und Shopping Malls erhalten.

Angesichts niedriger oder gar rückläufiger Wachstumsraten in den entwickelten Märkten stellen Investitionen in die Schwellenländer für den internationalen Einzelhandel eine wichtige Quelle für weiteres Wachstum dar. Allerdings müssen die Chancen auch zur rechten Zeit genutzt werden. Zum zwölften Mal in Folge hat die Unternehmensberatung A.T. Kearney im Global Retail Development Index (GRDI) 2013 die Attraktivität von 30 Wachstumsmärkten für Handelsunternehmen untersucht.

Dr. Mirko Warschun, Partner bei A.T. Kearney und Leiter des Beratungsbereichs Konsumgüterindustrie und Handel in Deutschland, Österreich und der Schweiz, erklärt: „Unsere Analyse hat einige bekannte Wachstumsmärkte wie etwa Brasilien in ihrer Attraktivität für den Einzelhandel bestätigt. Auf lange Sicht jedoch ist ein Paradigmenwechsel nicht unwahrscheinlich. Heute schon sind erste Vorboten einer Kräfteverschiebung erkennbar. So ist Afrika auf dem besten Weg, sich zu einer Region mit schier unglaublichem Wachstumspotenzial für internationale Einzelhändler zu entwickeln.“

Einige deutsche Unternehmen haben die Zeichen der Zeit bereits erkannt, wie die Investition des Berliner Internetunternehmens Rocket Internet in den nigerianischen Onlineshop Jumia zeigen. Vor allem Luxusgüterhersteller sind außerdem aktiv geworden; so hat Hugo Boss im Februar dieses Jahres einen Flagship Store in Lagos (Nigeria) eröffnet, ebenso der Automobilhersteller Porsche. Auch andere europäische Einzelhändler haben begonnen, das neue Terrain zu erobern: Erst kürzlich gaben die französische Supermarktkette Carrefour und CFAO die Unterzeichnung einer Absichtserklärung über die Gründung eines Joint Ventures zur Entwicklung des Handels in acht afrikanischen Ländern bekannt.

Süd- und Lateinamerika ist attraktivste Region

Süd- und Lateinamerika ist eine höchst attraktive Wachstumsregion für den internationalen Einzelhandel. Mit Brasilien (1), Chile (2), Uruguay (3), Peru (12), Kolumbien (18), Mexico (21) und Panama (22) sind gleich sieben Länder dieser Region im A.T. Kearney-Ranking der 30 attraktivsten Investitionsziele für den internationalen Einzelhandel vertreten.

Im dritten Jahr in Folge steht Brasilien an der Spitze der attraktivsten Wachstumsmärkte. Zwar ist das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2012 langsamer gewachsen als im Vorjahr, allerdings bewegen sich die Verbraucherausgaben nach wie vor auf hohem Niveau. 2013 werden sie voraussichtlich um 11 Prozent pro Kopf zulegen. Dazu tragen Investitionen, organisches Wachstum und Verbesserungen der Infrastruktur im Vorfeld der FIFA Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 bei. Außerdem profitiert das Land von steigendem Verbrauchervertrauen. „Eine steigende Erwerbstätigenquote und ein verbesserter Zugang zu Krediten für Brasiliens große und wachsende Mittelschicht machen das Land für investitionswillige Einzelhändler besonders attraktiv“, erläutert Warschun.

Mexico um sieben Plätze verbessert

Mexiko (21) hat sich gegenüber dem Vorjahr um sieben Plätze verbessert. Die Pro-Kopf-Ausgaben des Landes sind im Vergleich zum Vorjahr um 5,3 Prozent gestiegen, angefacht vor allem durch ein gestiegenes Verbrauchervertrauen, einen stärkeren Peso sowie eine moderate Inflation. Niedrige Zinsen haben sich außerdem positiv auf die Kreditverfügbarkeit ausgewirkt. Im Jahr 2012 betrugen die Einzelhandelsumsätze in Mexiko 211 Milliarden US-Dollar. Auf Wal-Mart Soriana, Comercial Mexicana und OXXO entfallen insgesamt etwa 60 Prozent des modernen Einzelhandelsmarktes und alle drei planen zu expandieren. „Der moderne Einzelhandel in Mexiko konzentriert sich stark auf die größten Städte, daher bieten mittelgroße Städte ganz ausgezeichnete Expansionsmöglichkeiten“, so Warschun. Der E-Commerce-Markt ist zwar noch vergleichsweise klein, allerdings sind die Online-Umsätze im Jahr 2012 um 23 Prozent angestiegen und haben drei Milliarden US-Dollar erreicht.

China bleibt ein Muss

Zwar hat China (4) gegenüber dem Vorjahr einen Platz im Ranking eingebüßt, nach wie vor kommt an diesem Wachstumsmarkt jedoch kein internationaler Einzelhändler vorbei. Denn: Die Handelsumsätze wachsen zweistellig, die Verbrauchernachfrage steigt und das Handelsumfeld ist sehr dynamisch. Shopping Malls werden um immer weitere Einkaufs- und Unterhaltungsangebote erweitert und daher immer beliebter. Insgesamt sind im Jahr 2012 in China 288 neue Shopping Malls entstanden, so dass sich ihre Zahl inzwischen auf insgesamt 3.100 beläuft. Die meisten davon befinden sich in Tier-2- und Tier-3-Städten.

Chinas Luxussegment allerdings hat in jüngerer Vergangenheit gelitten. Immer mehr Luxusgüter werden im Ausland gekauft, außerdem wurden die für Regierungsmitglieder geltenden Richtlinien für den Umgang mit Geschenken verschärft. Viele Luxusmarken überdenken aktuell ihre Expansionspläne in China. Der Online-Handel wächst rasant und macht für bestimmte Warengruppen inzwischen zehn Prozent der Umsätze mancher Einzelhändler aus. Insgesamt erreichten die Online-Umsätze im Jahr 2012 207 Milliarden US-Dollar. Für die Zukunft wird ein solides Wachstum erwartet.

Indien stark abgerutscht, aber weiterhin attraktiv

Die weltweite Konjunkturabschwächung hat auch Indien (14) nicht ausgespart; das Bruttoinlandsproduktwachstum des Landes ist auf fünf bis sechs Prozent gefallen. Im Vergleich zum Vorjahr ist Indien im GRDI-Ranking um neun Plätze zurückgefallen. Das Umsatzwachstum der Filialen, die länger als 12 Monate geöffnet sind (sogenanntes same-store sales volume growth), hat sich im Jahr 2012 in allen Handelssegmenten verlangsamt. Hohe Betriebskosten, eine geringe Verhandlungsmacht gegenüber Lieferanten und die Notwendigkeit, starke Rabatte zu gewähren, um die Umsätze zu verbessern, haben die Margen – und damit auch die Expansionspläne der Händler – unter Druck gesetzt. Immobilienpreise und Verfügbarkeit von Flächen waren ebenfalls wichtige Themen. Viele Marktteilnehmer bemühen sich derzeit darum, ihre Umsatzproduktivität zu steigern, ihre Betriebskosten zu senken und die Größe ihrer Ladenlokale zu reduzieren, um ihre Profitabilität zu verbessern.

Warschun erläutert: „Trotz dieser jüngsten unvorteilhaften Entwicklungen bleibt Indien grundsätzlich aber ein aussichtsreicher Wachstumsmarkt. Eine große Bevölkerung gepaart mit einer zunehmend mode- und markenbewussten Generation junger Inder trägt dazu bei, dass der Einzelhandelsmarkt attraktiv bleibt. Bis zum Jahr 2015 ist mit jährlichen Wachstumsraten von 14 bis 15 Prozent zu rechnen.“

Subsahara-Afrika gewinnt an Fahrt

Subsahara-Afrika nimmt weiterhin Fahrt auf und bildet sich zunehmend als attraktiver Markt für regionale sowie internationale Groß- und Einzelhändler heraus, die nach hohen Wachstumsraten streben. Neben Botswana (25), das bereits im letzten Jahr im Ranking vertreten war, hat mit Namibia (26) ein zweites Land Einzug in die Liste der 30 attraktivsten Wachstumsmärkte gehalten. Einige weitere Länder der Region haben den Sprung in die Top-30 nur knapp verpasst.

Die Bevölkerung des Landes ist jung – ein Drittel ist zwischen 10 und 24 Jahren alt – und wächst mit 2,4 Prozent im Jahr schnell. Auch das Bruttoinlandsprodukt entwickelt sich kontinuierlich aufwärts. Allerdings birgt die Region einzigartige und herausfordernde Hürden. So ist die Infrastruktur großenteils unterentwickelt, was die Entwicklung einer leistungsfähigen und nachhaltigen Supply Chain erschwert. Die Region ist stark abhängig von landwirtschaftlichen Produkten, zudem hat sich ein moderner Handel aufgrund eines hohen Preisbewusstseins der Verbraucher und einer starken Inflation erst in wenigen Ländern durchsetzen können.

Warschun erklärt: „Afrika bietet Einzelhändlern extrem vielsprechende Wachstumsmöglichkeiten. Das gilt nicht nur für Botswana und Namibia, sondern auch für einige andere Länder der Region, wie etwa Äthiopien. Eine wichtige Voraussetzung, um die Potenziale zu heben, ist allerdings, dass es Einzelhändlern gelingt, die spezifischen Geschäfts- und politischen Risiken erfolgreich zu steuern.“

Kleinode für Luxushändler

Im GRDI sind außerdem eine ganze Reihe kleinerer Länder vertreten, die sich etwa durch eine kleine Bevölkerung und einen steigenden Wohlstand auszeichnen und damit für den internationalen Einzelhandel zunehmend attraktiv werden. Dazu zählen Uruguay (3), die Mongolei (7), Georgien (8) und Armenien (10). Vor allem für Luxushändler können sich diese Märkte zu ganz neuen Umschlagplätzen entwickeln. Für allgemeine Einzelhändler können sie der Startpunkt einer regionalen Strategie bilden.

Shopping Malls und Einkaufszentren beflügeln organisierten Handel

Ganz erheblich zur Entwicklung des organisierten Einzelhandels in den Schwellenländern haben Einkaufszentren und Shopping Malls beigetragen, denn sie lösen rechtliche Fragen und Immobilienangelegenheiten für viele Einzelhändler. So waren beispielsweise die Village Mall in Rio de Janeiro, das JK Iguatemi in Sao Pãolo sowie die Costanera Center Mall in Chile wichtige Plattformen für den Launch und die Ausbreitung internationaler Marken in Lateinamerika.

Global Retail Development Index Ranking 2013

Land Rang 2013 Rang 2012 Veränderung
Brasilien 1 1 0
Chile 2 2 0
Uruguay 3 4 +1
China 4 3 -1
Vereinigte Arabische Emirate 5 7 +2
Türkei 6 13 +7
Mongolei 7 9 +2
Georgien 8 6 -2
Kuwait 9 12 +3
Armenien 10 N/A N/A
Kasachstan 11 19 +8
Peru 12 10 -2
Malaysia 13 11 -2
Indien 14 5 -9
Sri Lanka 15 15 0
Saudi-Arabien 16 14 -2
Oman 17 8 -9
Kolumbien 18 23 +5
Indonesien 19 16 -3
Jordanien 20 18 -2
Mexiko 21 28 +7
Panama 22 24 +2
Russland 23 26 +3
Libanon 24 22 -2
Botswana 25 20 -5
Namibia 26 N/A N/A
Marokko 27 27 0
Mazedonien 28 21 -7
Aserbaidschan 29 17 -12
Albanien 30 25 -5

A.T. Kearney Global Retail Development Index 2013

Der Global Retail Development Index (GRDI) von A.T. Kearney wird seit 2002 veröffentlicht und unterstützt Handelsunternehmen bei der Priorisierung ihrer globalen Entwicklungsstrategien durch ein Ranking der 30 attraktivsten Wachstumsländer. Dabei werden 25 Variablen berücksichtigt wie etwa ökonomisches und politisches Risiko, Attraktivität des Einzelhandelsmarktes, Sättigungsgrad des Einzelhandelsmarktes und Verhältnis zwischen Bruttoinlandsprodukt und Wachstumsrate des Einzelhandels.

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